Bischofsbrief

Brief des Bischofs von Hildesheim zur Eröffnung der Partnerschaft zwischen der Kirche in Bolivien und der Kirche von Hildesheim am 20. September 1987

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine offizielle Veranstaltung, die Folgen hat.

Es war vor gut einem Jahr. In Hildesheim und Hannover wurde die MISEREOR-Fastenaktion bundesweit eröffnet. Bei der Eucharistiefeier am Vorabend des 1. Fastensonntags war der Dom zu Hildesheim überfüllt. Am nächsten Tag fand im großen Kuppelsaal der Stadthalle in Hannover die Eröffnungsveranstaltung statt.

Viertausend Christen unserer Diözese nahmen daran teil. Aber auch weitgereiste Gäste waren nach Hildesheim und Hannover gekommen. Darunter eine Gruppe bolivianischer Bischöfe, Priester und Laien; denn bei den Andenländern Peru und Bolivien lagen die Informationsschwerpunkte der Fastenaktion 1986.

Sie erzählten uns von der Situation in ihrem Land: von ihren Leidenswegen und von ihren Hoffnungswegen. Von der krassen Not in Bolivien, dem vielleicht ärmsten Land Südamerikas, aber auch von der Hoffnung auf Gott, die sie immer wieder bewegt, die großen Herausforderungen anzunehmen. Bei dieser Begegnung mit den Bolivianern kam spontan der Vorschlag auf, eine Partnerschaft zwischen Bolivien und unserer Diözese zu beginnen. Bewußt sprachen wir von Partnerschaft und nicht von Patenschaft, und unsere Gäste waren bereit, diesen Vorschlag aufzunehmen. Seither haben wir gemeinsam versucht, erste Schritte auf diese Partnerschaft hin zu tun. Jetzt wollen wir die Partnerschaft offiziell begründen. Dazu wird der Vorsitzende der Bolivianischen Bischofskonferenz, Bischof Julio Terrazas Sandoval, nach Hildesheim kommen. In einem feierlichen Gottesdienst am 20. September 1987 - zu dem ich auch Sie herzlich einlade - werden wir gegenseitig füreinander Verantwortung übernehmen als Partner in einem Glauben.

Das Einbahnstraßen-Denken geht zu Ende

Warum eine solche Partnerschaft zwischen Bolivien und der Diözese Hildesheim? Vielleicht erinnern Sie sich an Ihre Kindheit. Da standen in vielen Kirchen zur Weihnachtszeit an den Krippen kleine Nickfiguren, in die man durch einen Schlitz Geld für die Christen in der sogenannten Dritten Welt hineinwerfen konnte. Diese Statue sollte die Kinder daran erinnern, daß Gott für alle Menschen in der Welt gekommen ist und daß sie, die zu Weihnachten so reich beschenkt werden, etwas von ihrem Reichtum an die weitergeben sollten, die noch in Armut lebten. Insofern sicher eine schöne Idee. Andererseits aber hat gerade diese kleine Figur eine Einstellung gegenüber den Christen in der „Dritten Welt“ gefördert, die oberflächlich und schief ist. Haben wir uns nicht allzu oft als diejenigen betrachtet, die mehr oder weniger großzügig den Menschen der „Dritten Welt“ ein bißchen Christentum und ein bißchen Wohlstand bringen und erwarten, daß die armen Leute dort dafür dankbar mit dem Kopf nicken? Heute kommen wir immer mehr zur Einsicht, daß das Engagement für die „Dritte Welt“ längst keine Einbahnstraße mehr ist. Vielmehr hat zwischen der Kirche hier bei uns und der Kirche in Afrika, Asien oder Lateinamerika ein echter Austausch begonnen. Wir sind unterwegs zur Einen Welt.

Die „europäische“ Kirche entwickelt sich zur „Weltkirche“

Dabei findet sich die katholische Kirche zur Zeit inmitten des vielleicht tiefgreifendsten Einschnitts ihrer Geschichte. Sie ist auf dem Weg von einer abendländisch geprägten Kirche zu einer in verschiedenen Kulturen weltweit verwurzelten Kirche.

Ende dieses Jahrhunderts werden 70 % der Katholiken in den sogenannten Entwicklungsländern und nur mehr 30 % in Europa und in den Vereinigten Staaten leben. 1980 waren es bereits 58 % der Katholiken, die in den Ländern der „Dritten Welt“ ihre Heimat haben. Im Klartext heißt das: Die katholische Kirche hat nicht mehr eine „Dritte-Welt-Kirche“, sondern sie ist inzwischen selbst tatsächlich eine „Weltkirche“ mit einer abendländisch-europäischen Ursprungsgeschichte geworden. Nicht bei uns lebt die Mehrheit der Christen, sondern längst in der „Dritten Welt“.

Und wir erkennen auch mehr und mehr: Die Christen dort sind uns mittlerweile nicht nur der Zahl nach voraus, sondern oftmals auch in der Weise, wie sie ihr Christsein leben. Wir sind, wenn wir es recht besehen, längst nicht mehr die nur Gebenden, sondern zugleich die Empfangenden.

Natürlich haben wir noch immer größere finanzielle Möglichkeiten, und vielerorts herrscht eine materielle Not, die an unsere Hilfsbereitschaft appelliert. Aber was die Glaubenskraft angeht, so können sie uns reich beschenken und tun es auch schon.

Die Kirchen der „Dritten Welt“ geben uns Anstöße

Sie geben uns Zeugnis davon, daß Glauben und Leben, Sonntag und Werktag, Kirche und Welt zusammengehören. Das bei uns neu erwachende Interesse an der Heiligen Schrift beispielsweise ist meiner Meinung nach auch eine Auswirkung des von ihnen praktizierten Umgehens mit dem Evangelium; das schon in vielen unserer Gemeinden geübte Bibel-Teilen ist ja auch eine Anregung aus der „Dritten Welt“. Ebenso ist das wachsende Gespür dafür, daß Gemeinschaft für das Christsein wesentlich ist, von dort mit beeinflußt. Und auch der Sinn für wirtschaftliche Gerechtigkeit, den bei uns zumal die Jugendlichen haben, ist von dem konsequenten Einsatz vieler Christen in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern mitgeprägt.

So bereichern die jungen Kirchen der „Dritten Welt“ schon jetzt unser christliches Leben. Deswegen bin ich überzeugt: Je mehr wir Kontakt mit ihnen suchen und pflegen, desto mehr wird sich unser eigener Horizont erweitern und unser Christsein sich vertiefen. Gerade darum auch die Partnerschaft mit Bolivien.

Partnerschaft ist mehr als Patenschaft

Partnerschaft, nicht Patenschaft. Patenschaft für Bolivien würde bedeuten, sich um dieses Land zu kümmern, wie ein Pate sich um sein heranwachsendes Patenkind kümmert, es also einseitig unterstützen. Partnerschaft heißt: sich gegenseitig als mündige Partner anerkennen und vom je eigenen - materiellen oder geistlichen - Reichtum einander mitteilen. Es geht um wechselseitigen Austausch, um Geben und Nehmen je zugleich. In diesem Sinn ist unsere Partnerschaft mit Bolivien zu verstehen.

Es ist wie mit zwei Menschen, die sich kennenlernen: Sie fangen an, sich füreinander zu interessieren, für die Lebensgeschichte des anderen, für seine Wünsche und Hoffnungen, für seine Fähigkeiten und Gaben und auch für seine Not. Sie besuchen einander, lassen den anderen teilhaben an der eigenen Welt; sie freuen sich mit ihm und leiden mit ihm.

In dieser Richtung soll auch unsere Partnerschaft gehen, auch wenn wir hier gewiß noch ganz am Anfang stehen und ich im einzelnen auch nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird. Aber wenn wir anfangen, unseren Blick auf die Menschen in Bolivien zu richten und umgekehrt sie sich für uns interessieren, werden wir Wege zu einer guten Partnerschaft finden.

Die grenzüberschreitende Nächstenliebe drängt uns an die Seite der Armen

Für mich ist dieses Vorhaben nicht etwas, was wir tun, aber auch genauso gut lassen können. Die Verpflichtung, mit den Christen in der „Dritten Welt“ in partnerschaftliche Verbindung zu treten, ergibt sich aus dem Grundgebot der Nächstenliebe. Aus dem Evangelium wissen wir, daß der Begriff des Nächsten nicht auf die eigenen Angehörigen oder Landsleute eingegrenzt ist. Die christliche Nächstenliebe ist grenzüberschreitend. Und besonders richtet sie sich auf die Benachteiligten, die Armen. Jesus sagt bei seinem ersten öffentlichen Auftreten (wie es uns Lukas berichtet): „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“ (Lukas 4,18).

Das bolivianische Volk gehört wahrhaftig zu diesen Armen. Reich an Menschlichkeit lebt es dort in oft unvorstellbarer materieller Armut. Jeder fünfte Erwerbstätige ist arbeitslos. Jeder zweite ist unterbeschäftigt und hat nur das Mindeste zum Überleben. Über 20 % der Kinder sterben wegen Unterernährung oder mangelnder medizinischer Versorgung. Viele Mütter arbeiten täglich 15 bis 17 Stunden und müssen dabei die Hausarbeit zumeist den Kindern überlassen. Die Minenarbeiter im staatlichen Bergbau - der entscheidenden Industrie Boliviens - erreichten 1986 nur noch ein Viertel ihrer Produktion von 1976; ihr durchschnittlicher Verdienst liegt heute bei monatlich 100 Mark, während er noch im Juni 1985 bei 150 Mark lag. 36 % der Staatseinnahmen sieht die Regierung vor für die Rückzahlung der Auslandsschulden, 22 % für die Armee, aber nur 11 % für Erziehung und Bildung und weniger als 2 % für die Gesundheit. 85 % der Reichtümer verbleiben in den Händen von nur 5 % der Bevölkerung (Quelle: Misereor, Werkmappe 1987, Seite 2f.

Auch wir sind in die Unrechtstrukturen dieser Welt hineinverstrickt

Wenn wir das Gebot der Nächstenliebe ernstnehmen, können wir an dieser katastrophalen Lage in Bolivien nicht vorbeisehen. Und dabei müssen wir feststellen, was auch von Fachleuten nicht bestritten wird: Die desolate wirtschaftliche Situation der Entwicklungsländer ist auch eine Folge der strukturellen Abhängigkeit der „Dritten Welt“ von den Industrieländern, vor allem der sehr ungleichen wirtschaftlichen Machtverteilung. Die deutschen Bischöfe haben deshalb in ihrem Wort „Gerechtigkeit schafft Frieden“ 1984 formuliert: „Wir können uns nicht damit begnügen, vom Überfluß der Reichen ein wenig abzugeben. Wir haben auch für mehr Gerechtigkeit in den Strukturen einzutreten, denn sie ist das Fundament des Friedens in der Welt, in der alle von allen abhängig geworden sind“. (S. 47)

So muß Nächstenliebe auch zum Dienst an der wirtschaftlichen Gerechtigkeit werden. Das verlangt von uns, daß wir uns sachkundig machen über die Ursachen der zunehmenden Armut in Bolivien, an der auch wir Mitverantwortung tragen und daraus Konsequenzen ziehen.

Anfangen, sich mit Bolivien vertraut zu machen

Was uns schon jetzt zutiefst mit den Menschen in Bolivien verbindet, ist unser gemeinsamer christlicher Glaube. Aus ihm heraus wollen wir die Partnerschaft beginnen: einander helfen, voneinander lernen, miteinander der Gerechtigkeit dienen, füreinander beten.

Herzlich bitte ich Sie, nach Ihren Kräften diese Partnerschaft mitzutragen. Vielleicht nehmen Sie noch heute einen Atlas zur Hand und fangen an, sich mit diesem Land vertraut zu machen. Einen wichtigen Dienst kann dabei auch der Pfarrgemeinderats-Ausschuß „Mission-Entwicklung-Frieden“ übernehmen, der in Ihrer Gemeinde besteht oder bei dieser Gelegenheit gegründet werden sollte.

Ausdrücklich betone ich, daß diese Partnerschaft keinesfalls die bestehenden Beziehungen zu Gemeinden in der „Dritten Welt“ beeinträchtigen oder gar ablösen sollte. Ich begrüße die vielen Kontakte, die es schon gibt, meine aber, daß die Partnerschaft zwischen der Kirche in Bolivien und der Diözese Hildesheim für uns alle eine ganz besondere Bedeutung haben sollte. Ich will diesen Brief nicht schließen, ohne Ihnen allen herzlich zu danken für Ihr Gebet und für Ihre Hilfe seit vielen Jahren für die bedrängten Christen in aller Welt.

Als Zeichen der beginnenden Partnerschaft habe ich Herrn Bischof Terrazas gebeten, Ihnen zum Schluß auch einen Gruß zu schreiben:

Im Namen der Bischöfe Boliviens danke ich herzlich für das Angebot der Partnerschaft. Mit allen Brüdern und Schwestern unserer Diözesen freuen wir uns auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit im Geiste Christi.

Wir wissen um die Armut der Kirche in Bolivien, sehen aber in dieser Armut auch den Reichtum des Evangeliums. So haben wir von den Armen viel mehr gelernt als wir ihnen gegeben haben. Immer wieder neu wird unser Leben von ihnen in Frage gestellt.

Was wir von Euch, liebe Brüder und Schwestern, erwarten, sind nicht in erster Linie finanzielle Mittel, so wichtig sie auch sind. Wir brauchen eine neue Solidarität, die uns hilft, das Leben miteinander zu teilen in Angst und Hoffnung, Leid und Freude.

Wir dürfen einander nicht nur etwas geben, wir müssen uns selbst geben. Nur so erfüllen wir das Gebot Christi.

Wir brauchen Geduld miteinander und Vertrauen auf die Führung des Gottesgeistes, damit lebendige Partnerschaft wachsen kann.

In der Liebe Christi verbunden erbitten wir Gottes Segen für unseren gemeinsamen Weg.

So wollen wir den gemeinsamen Weg beginnen im Vertrauen auf den Herrn, der alle Tage bei uns ist bis zum Ende dieser Welt.


+ Josef
Bischof von Hildesheim

+ Julio
Bischof von Oruro
Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz